Wenn Ideale zum Gefängnis werden
Lange war ich nicht mehr so zwiegespalten in meiner Meinung wie bei „Yesteryear“.
Beginnen wir vielleicht bei Natalie. Caro Claire Burke ist eine Meisterin darin, vielschichtige, komplexe und auch ambivalente Charaktere zu schreiben. Ich war wirklich beeidruckt, wie treffend sie Natalies Innenwelt beschrieben hat. In vielen Rezensionen habe ich gelesen „Natalie ist eine der unsympathischsten Protagonistinnen, die ich je erlebt habe.“ Dabei finde ich, ist sie viel mehr als das und verdient auch eine viel differenziertere Betrachtung.
Ja, Natalie wertet andere Frauen und Lebensweisen häufig herab, ist extrem bis radikal in ihren Ansichten und hat ein starkes Anspruchsdenken. Gleichzeitig habe ich in ihr aber auch eine Frau gesehen, die alles tun wollte, um den Ansprüchen um sich herum gerecht zu werden. Die Rolle auszufüllen, auf die sie ihr Leben lang vorbereitet wurde, und die in ihrer Gemeinde als das höchste Gut gilt.
Natalie hat einen scharfen Verstand, ist ehrgeizig und will etwas erreichen. Gleichzeitig wurde sie aber auch um die Wahrheit von Mutterschaft und Eheleben betrogen und sah sich den Vorwürfen gegenüber, dass sie es doch hätte wissen müssen. Dass sie nicht so naiv hätte sein sollen. Ich habe eine Frau erlebt, die überleben wollte in einem Gefängnis aus Idealen, das sie sich selbst gebaut hat und dem sie leider nicht entkommen konnte – und die so letztlich zur Täterin wurde.
Sehr geschickt fand ich auch die Andeutungen von positiver Entwicklung, die die Autorin gemacht hat. Immer mal wieder dachte ich, dass Natalie vielleicht die Kurve kriegt und anfängt ihren Lebensstil zu hinterfragen; nur um sich dann doch weiter hineinzuverstricken.
Das Wechselspiel aus zwei Zeitlinien finde ich sehr gelungen und ich habe es genossen, wie sich der Plot immer weiter entfaltet und wir weiter in das Rabbit Hole aus Natalies Leben eintauchen. Die Autorin webt aktuelle Themen wie den Tradwife-Trend, Manosphere und auch politische Entwicklungen geschickt ein. Ab der Hälfte jedoch fing ich an mich zu langweilien, da nicht wirklich etwas passiert. Einzig der angepriesene Plot-Twist hat mich angetrieben weiterzulesen; und es ist ebendieser, der mich mit einem etwas enttäuschten Gefühl zurücklässt. Ich war schon überrascht, finde aber auch, dass sich da Lücken auftun, für die die Autorin keine Erklärung liefert.
Das Ende empfand ich jedoch als sehr befriedigend und, vor allem, konsequent. Vor allem für gewisse Nebenfiguren (Wer genau lässt sich ohne Spoiler nicht sagen) hat mich der Hoffnungsschimmer zum Schluss gefreut.
TL;DR
Mehr Charakterstudie als Pageturner ist „Yesteryear“ dennoch hochaktuell, messerscharf geschrieben und definitiv lesenswert. Der Plottwist enttäuscht jedoch etwas.





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