[Rezension] Die Dinner Party | Über weibliche Erschöpfung

von Viola van de Sandt
Einzelband
erschienen 2026 im pola Verlag
Vielen Dank an den Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar

Wieviel kann eine Frau eigentlich ertragen und was passiert, wenn es nicht mehr geht?

Viola van de Sandt spricht aus, was wir nicht hören wollen und häufig verdrängen. Soviel steht fest. Genau deshalb vorab der Hinweis, dass dieses Buch kein easy Read ist. Je nachdem wie vulnerabel Leser:innen sich gerade fühlen, kann die Geschichte schon sehr belastend sein.

Ich gebe zu, ich habe von „Die Dinner Party“ etwas anderes erwartet. In meiner Vorstellung gipfelte die Geschichte in einem Moment der Wut und Selbstermächtigung. Halbwegs glatt und ohne Schaden. Ohne Spoiler zu riskieren: Ich lag falsch und rückblickend war meine Vorstellung auch etwas naiv.

Die Autorin schenkt uns keine pseudo-unbequemen Momente, die irgendwie aufwecken, aber uns gleichzeitig in unserer Komfortzone lassen. Im Gegenteil: Viola van de Sandt schreibt alles aus. Das Dunkelste, das nur zu denken einen schon mit Scham erfüllt und das Auszusprechen niemals in Frage käme. Die Geschichte ist dermaßen roh, dass ich nach dem Lesen erstmal auf dem Sofa saß und mir dachte: Wtf, ich will dieses Buch nie wieder lesen und gleichzeitig bin ich froh, es gelesen zu haben.

Ich liebe wie Franca geschrieben ist. Ihr Selbsthass, ihr Glaube daran nichts zu bieten zu haben, versagt zu haben und in einem Leben gefangen zu sein, das einfach so passiert ist. Ohne, dass sie eine bewusste Entscheidung getroffen hat. Man spürt ihre Erschöpfung, die so viele Frauen kennen, weil sie sich für das Wohlbefinden anderer verantwortlich fühlen, die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen stellen und auf der anderen Seite gar nicht wissen wer sie sind oder sein könnten – würden sie einmal etwas nur für sich selbst tun.

Die Geschichte ist aus drei verschiedenen Zeitebenen erzählt, was zu Beginn durch die schnellen Wechsel etwas verwirrend war. Aber vielleicht war das gerade die Absicht der Autorin: Die Lesenden genau die Verwirrung und Orientierungslosigkeit spüren zu lassen, die Franca spürt.

Von Anfang an ist klar, dass der Abend sich zuspitzen und in einer Eskalation gipfeln wird. Aber in welcher Form war bis ganz zum Schluss nicht klar. Es wird stets nur angedeutet, das ominöse Messer und was damit passiert ist, schwebt wie ein Damoklesschwert über der Geschichte. Die Fantasie der Lesenden wird angeregt; ständig habe ich überlegt was wohl passieren wird, Ideen verworfen und neu überlegt. Die Geschichte ist wie ein Faden, der bis zum Zerreißen gespannt ist. Nur der kleinste Zug und es wäre vorbei.

Besonders gefallen hat mir der Kater als Sinnbild für die permanenten Anforderungen mit denen Franca sich konfrontiert sieht. Noch mehr Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen. Noch mehr Fürsorge, die von Franca verlangt wird. Auch wenn einige Szenen wirklich hart und für mich persönlich schwer auszuhalten waren (Verweis auf die Triggerwarnungen). Da das Buch von der langsamen Entfaltung der Ereignisse lebt, kann ich an dieser Stelle nicht weiter auf die Handlung eingehen, ohne zu viel zu verraten. Den finalen Plottwist habe ich im letzten Drittel nur vage erahnen können und als es mir dämmerte habe ich mich direkt gefragt: Was ändert das an dem, was ich bisher gelesen habe?

„Die Dinner Party“ wühlt auf, stößt an und spricht aus, was niemand hören möchte. Kurzum: Es macht einen emotional fertig. Aber nicht ohne die Lesenden zumindest mit ein wenig Hoffnung zurückzulassen.

TL;DR

Emotional aufwühlend und schonunglos hält die Autorin ein Brennglas auf weibliche Erschöpfung und schafft es dennoch ihre Leserschaft mit einem Funken Hoffnung zurückzulassen.

Bewertung

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