Ein bunter Themenblumenstrauß aus Mut, Macht und Me-Too
Beim Lesen des Klappentextes habe ich eine Geschichte erwartet, die sich intensiv mit dem Vorfall an sich und den gesellschaftlichen Konsequenzen beschäftigt. Tatsächlich ist „Hazel sagt Nein“ aber eine multiperspektivische Geschichte, die sich viel mehr den in Gang gesetzten Dynamiken widmet.
Das Buch ist abwechselnd aus Hazels Perspektive, der ihres Bruders und ihrer Eltern erzählt. Das hat der Handlung eine ganz andere Komplexität gegeben und den Fokus von Hazel auf die ganze Familie verlagert, was ich so nicht erwartet hatte, mir aber sehr gut gefallen hat. Den Schreibstil von Jessica Berger Gross fand ich sehr angenehm und klar, sodass das Buch sich schnell weglesen ließ.
„Sie hatte es nicht aus eigener Kraft (…) geschafft. Sie hatte die Hilfe des Schuldirektors gebraucht. Denn wer hätte sie gewollt, wenn White sie nicht gewollt hätte?“
– Seite 250
Die Entwicklung der Geschichte war einerseits erfrischend, andererseits auch etwas unwirklich. War Hazel in der ersten Hälfte des Buches noch recht passiv, nahezu gelähmt, wurde sie jetzt deutlich aktiver, hat immer wieder abgewägt und reflektiert, um schließlich das zu tun, was sie wirklich möchte. Diesen Prozess zurück zu sich selbst fand ich sehr schön dargestellt.
Die Autorin schafft es ein umfassendes, komplexes Bild zu zeichnen und dabei verschiedene Themen ineinanderfließen zu lassen. Sie betrachtet die Ehe, das Elternsein, Schuldzuweisung, Kompromissverhandlungen, psychische Gesundheit, den Umgang mit Antisemitismus innerhalb der Familie und in der Gemeinde, aber auch Cancel Culture und den Einfluss von Social Media auf die Meinungsbildung. Die Liebe zu ihrer Geschichte habe ich auf jeder Seite gespürt.
„Es wäre ein Leichtes gewesen, ihn zu ignorieren. Dick White bedeutete nichts mehr. Nicht für Hazel.“
– Seite 305
Obwohl ich diesen umfassenden Blick sehr begrüßt habe, hat das zentrale Thema nicht die Tiefe erreicht und den Raum bekommen, den ich mir gewünscht habe. So war es ein bunter Themenblumenstrauß, in dem die verschiedenen Themen um Aufmerksamkeit buhlten und so letztlich keines ganz den Raum bekommen hat, den es verdient hätte.
Die Geschichte endet mit einem schönen Abschluss, aus dem ich auch für mich persönlich etwas mitgenommen habe: Das eigene Glück und die Zufriedenheit haben viel mit der inneren Einstellung und der persönlichen Sicht auf die Dinge zu tun. Etwas, das wir im Alltag zu häufig vergessen.
TL;DR
Ein etwas schwer zu fassender, aber liebevoll und perspektivreich erzählter Roman über den Mut für sich selbst einzustehen.
Book Tropes & Elemente:
Familiendynamik, Machtmissbrauch, sexuelle Belästigung, Cancel Culture, Antisemitismus





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