[Rezension] Half his Age | Von Macht & Female Rage

von Jennette McCurdy
Einzelband
erschienen 2026 im Blumenbar Verlag
Einen herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar

So ehrlich, dass es wehtut. Das Buch, das mein 17-jähriges Ich gebraucht hätte.

„Half his Age“ ist definitiv kein easy read. Es ist eklig, explizit und unbequem. Aber genau das macht Waldos Geschichte so wertvoll. Sie zeigt die ungeschönte, rohe Realität von jungen Mädchen, die täglich durch patriarchale Strukturen navigieren müssen und versuchen sich zurechtzufinden.

Ich konnte so viel von meinem 17-jährigen Ich in Waldo wiedererkennen. Jennette McCurdy versteht es die kleinen Dinge sichtbar zu machen; die Details von denen man sich als junges Mädchen nie sicher war, ob es den anderen auch so ergeht oder nur einem selbst. Die Unsicherheit, die Scham, das ständige Hin und Her, ob man nicht doch zu viel, zu unreif oder zu wenig ist.

Emotional war dieses Buch die reinste Achterbahnfahrt. Von Ekel, über Wut bis hin zu Verachtung ging in mir vieles vor. Selten hat ein Schreibstil solche starken Reaktionen bei mir hervorgerufen. Nur einige wenige Szenen wirkten etwas holprig eingestreut und sehr extrem, wie um gewisse Standpunkte noch einmal zu verdeutlichen. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, da der feinsinnige Schreibstil den Job bereits erledigt hatte.

Die Handlung bricht mit den Klischees romantisierender Schülerin-Lehrer-Beziehungen. Das Buch beschönigt gar nichts. Es ist nicht freundlich, nicht gebremst, nicht relativierend. Es macht das Machtgefälle deutlich und die Abhängigkeit, die dadurch entsteht.

Der Verlauf der Beziehung ist im positiven Sinne erwartbar: Mr. Korgy, ein erschöpfter Lehrer in seiner 40ern, bandelt mit seiner unsicheren, 17-jährigen Schülerin Waldo an. Mr. Korgy gaukelt Waldo Gleichberechtigung vor und verdreht ihr die Worte im Mund. Er gibt sich zerrissen, reumütig, bittet um Entschuldigung für seinen Egoismus – Waldo mache ihn einfach machtlos. Strategisch fand ich es clever, den Vornamen von Mr. Korgy erst spät im Buch zu enthüllen. Dass Waldo ihn die ganze Zeit beim Nachnamen nennt, macht die Absurdität dieser Beziehung und das Machtgefälle noch einmal besonders deutlich.

Waldos Gedankenprozesse und Gefühle waren sehr bildhaft und pointiert beschrieben. Auch wenn es häufig schmerzhaft war, sie dabei zu beobachten, wie sie sich selbst schadet und ihr gleichzeitig geschadet wird. Einen großen Anteil an Waldos Schmerz hat ihre Mutter, die glaubt ohne die Aufmerksamkeit eines Mannes nichts wert zu sein und von einer Beziehung zur nächsten stolpert. Dabei bleibt sie kein eindimensionales Klischee, sondern durchlebt ebenfalls eine Entwicklung.

„Half his Age“ ist ein Buch, von dessen Art ich mir in Zukunft viel mehr Wünsche. Wir brauchen mehr Geschichten, die Frauen in all ihren Facetten sichtbar machen. Vor allem die Facetten, die wir gelernt haben zu unterdrücken.

TL;DR

Eine unverblümte, ehrliche und rohe Geschichte über Macht, Manipulation und Selbstermächtigung in einer Schülerin-Lehrer-Beziehung.

Bewertung

Book Tropes & Elemente:

Grooming/Power Imbalance, Age Gap, Coming-of-Age, Female Rage

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